Wiederholungen beim LernenWie viele Wiederholungen braucht der Mensch beim Lernen?

Wenn man neues Wissen lernen will, dann muss man es sich nur oft genug durchlesen und irgendwann bleibt es dann hängen im Kopf. Wiederholung ist der Kern des Lernens...diese Idee stammt aus der Zeit der industriellen Revolution, in der man sich die Phänomene der Welt auf eine eher mechanistische Weise erklärte.

Inzwischen weiß man - die Dinge sind ein wenig komplexer; stures Pauken und Auswendiglernen ist nicht nur nervig, sondern auch ineffektiv. Das Gehirn funktioniert auch nicht wie ein Muskel, der durch ständiges Repetieren stärker wird.

Unsere Ideen übers Lernen stammen aus dem vorletzten Jahrhundert…

Prof. Herrmann Ebbinghaus gilt als einer der Urväter der Gedächtnisforschung. 1885 veröffentlichte er die so genannte Ebbinghaus-Kurve, die zeigte, dass man nach zwei Tagen nur noch ca. 20% der gelernten Informationen wiedergeben kann – der Rest ist weg und vergessen.

Soweit, so gut. Daraus folgte für Heere von Lehrern und Lernenden, dass man eben noch mehr wiederholen muss, um den Wissensstand wieder auf 100% zu bringen. Diese Ideen haben Generationen von Lehrern beeinflusst und das Lernen von Millionen von Schülern (und späteren Erwachsenen) zur Hölle gemacht.

Kaum einer weiß, WIE und WAS Hermann Ebbinghaus eigentlich gelernt hatte für seine Untersuchung – aber das ist eigentlich der entscheidende Punkt...

Er hat sinnlose Silben so lange wiederholt, bis er sie zu 100% korrekt wiedergeben konnte und dann überprüft, wie viele er davon nach einem bestimmten Zeitraum noch behalten hatte.
Wissenschaftlich korrekt, aber über intelligentes, effektives Lernen sagt dieses Experiment nichts aus.

Nach einer neueren Untersuchung von Yury Shtyrov braucht man übrigens ca 160 Wiederholungen pro unbekanntem Wort, bis man es sich ins Langzeitgedächtnis gehämmert hat. Das dauert im Schnitt pro Wort eine Viertelstunde. Nur die Harten kommen durch :-)

Warum die Frage nach den Wiederholungen beim Lernen eigentlich die falsche Frage ist...

Was bei der ganzen Diskussion um Lernwiederholungen übersehen wird, ist der Kern des Problems und das eigentliche Ziel.

Der Zweck des Lernens ist neues Wissen und neue Fähigkeiten zu erwerben, um Probleme zu lösen und Ziele zu erreichen, die einen im Leben weiterbringen.

Frei nach Lee Iacocca – „Lern alles was du willst, aber dann, um Himmels Willen, steh nicht rum, sondern tu was mit dem Wissen. Wende es an, mach was draus!“

Die Frage, ob ich mir Dinge merke oder nicht, hängt vor allem davon ab, WIE ich lerne und ob ich das Wissen anwende, und nicht wie oft ich das Wissen wiederholt habe.

Schauen wir uns mal zwei Extrembeispiele an, die verdeutlichen, worum es wirklich geht.

Erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Kuss? Und den Namen des oder derjenigen? Wahrscheinlich schon – meine hieß Jennifer.
Oma und Opa können sich meist noch sehr präzise an Dinge erinnern, die manchmal 70 Jahre zurückliegen.

Warum? Offenbar braucht man für manche Arten des Lernens keine Wiederholungen...und der Grund ist ganz einfach:

Wenn eine neue Information beim Eintritt ins Gehirn eine hohe Intensität hat, dann wird sie sofort vernetzt und verankert, und braucht überhaupt keine Wiederholung.
Und eine hohe Einstiegsintensität liegt immer dann vor, wenn die „richtigen“ Gefühle beteiligt sind, das Ganze Sinn macht, eine Erfahrung damit verbunden ist, Anschluss- Vorwissen vorliegt und zum Beispiel das visuelle Sinneszentrum beteiligt ist.

Jetzt schauen wir uns mal das Gegenteil an. Ein Fall wie aus der Schule oder dem Experiment von Herrmann Ebbinghaus.

Lesen Sie sich gleich einmal die Übersetzung des folgenden Wortes durch, schließen dann die Augen und versuchen, das neue Wort korrekt wiederzugeben...

Es geht um die Übersetzung des Wortes Kathodenstrahloszillograph ins Estnische. Dort heißt es – und jetzt kommt`s - elektronkiiretorude ostsillograafilise.

Augen zu.

Können Sie das Wort nach einmaligem Lesen korrekt wiedergeben?

Wenn ja, dann sind Sie ein Genie – wir anderen können das nicht...

Und das hat natürlich einen Grund – die Information hatte eine extrem geringe Intensität. Einmal Lesen bedeutet dem Gehirn nicht viel. Außerdem entsteht bei elektronkiiretorude ostsillograafilise kein Sinn, es gibt kein Anschlusswissen mit dem sich die neue Vokabel verbinden könnte (außer Sie sind ein estnischer Wissenschaftler der deutsch spricht :-), in Ihrem Kopf entsteht kein Bild und eine Erfahrung war das Ganze auch nicht.

Die gute Neuigkeit ist fürs Lernen ist...

Was aus diesen beiden Extrembeispielen deutlich wird, ist - nur wenn Sie Lernen wie im 19. Jahrhundert, dann müssen Sie Ihren Lernstoff so oft wiederholen wie Herr Ebbinghaus.

Aber wenn Sie intelligent lernen, also die Eingangsintensität der Informationen erhöhen, dann brauchen Sie entweder gar keine Wiederholungen oder sehr viel weniger.

Anders ausgedrückt – die Wiederholungsrate Ihres Lernstoffs hängt davon ab, ob Sie das neue Wissen 100% verstanden haben hochmotiviert waren sich mit dem Lernstoff zu beschäftigen, ihn mit Vorwissen verknüpfen und anwenden konnten, ob Sie verschiedene Sinneskanäle beim Lernen eingesetzt und sich visuelle Aufzeichnungen gemacht haben, ob Sie anderen von Ihrem neuen Wissen berichtet haben und ob Sie visuelle Gedächtnistrainings-Systeme einsetzen konnten.

Wenn Sie das alles gemacht haben, dann brauchen Sie wahrscheinlich gar keine Wiederholungen mehr. Außerdem hat das Lernen dann Spaß gemacht und sich nicht wie Lernen angefühlt :-)

Für weitere Tipps, Tricks, Strategien und Methoden zu schnellerem Lesen und Lernen klicken Sie bitte hier: www.Centered-Learning.de/SpeedReading-oder-Lernen-lernen

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Kommentare (13)

  • Hans Runge

    Ich finde Ihre Angebote gut, habe aber noch keine Zeit investiert.
    Wenn Sie mich auffordern das zu lesen was Sie mir zusenden und dann fragen was ich denke, dann folgende Frage:
    Warum lösen Sie Ihr o.a. Beispiel nicht auch auf?
    Also: welches Gefühl soll ich für das Beispiel entwickeln
    und wie genau?:-)
    Aber bitte: nur für das Beispiel!
    Liebe Grüße
    Hans Runge

    • Hallo Hans,

      das Gefühl ist hochmotiviert, von Forschergeist geprägt und konzentriert, heiß drauf zu erfahren was dahinter steckt.

      Bin aber nicht sicher, ob ich weiß, was für ein Beispiel Sie meinen…

      lg
      tom

      • Esma

        Ja das funktioniert ausgesprochen gut
        – schon immer musste Lernstoff lernen bevor es zur Pflicht wurde oder Aufgaben lösen bevor wir sie in der Schule aufbekommen haben. Denn die Motivation etwas zu wissen oder zu können bevor es die anderen konnten, half mir besser zu lernen. Jedoch ist diese Motivation- in diesem Fall Konkurrenzkampf- weniger präsent und muss daher zu erst neu focusiert werden. Dafür gilt es die Frage : Warum will ich das lernen und was bringt mir das? , beantworten. Aus diesem Grund ist es auch sehr schwierig Sinnfreie Begriffe oder Silben auswendig zu lernen, es fehlt der Kausale zusammenhang dafür etwas zu lernen was primär nicht mit eigener Sache zu tun hat. Danke für den Denkanstoß Tom!

    • Hallo Hans,
      Ich kann Dir nur empfehlen, die Zeit zu investieren, denn das System lohnt sich wirklich. Ich habe die Zeit letzten Herbst für das Premium Training investiert – das klingt so wie Anstrengung, aber ich kann garantieren, es macht Spass – und nehme die Unterlagen immer wieder zur Hand, oder schaue mir immer wieder die Videos an.
      Wenn ich jetzt ein Fachbuch vornehme, erstelle ich immer eine CL Map und kann so ohne weiteres die Map hervor holen, um das Wissen zu vertiefen.

  • tumpa lumpa

    wenn man nun immer und immer wieder mit dem “motivierten”
    Lernen lernt dann müsste der Lerneffekt doch geringer sein
    weil das Lernen mit dieser Methode nichts mehr besonderes ist oder

    • Nee – das stimmt zum Glück nicht, weil du ja immer wieder durch andere Inhalte motiviert wirst. Da baut sich die Motivation immer wieder neu auf – wenn man’s richtig macht…

      Tom

  • Hallo Tom,
    Ihr Beitrag bestätigt einmal mehr:
    Alles, was ich mit Freude und Begeisterung mache, trägt reiche Früchte. Und das gilt letztlich für alles im Leben.
    Mit Freude und Begeisterung zu lernen heißt doch, dass ich motiviert bin. Ich will etwas wissen/können – nicht um des Wissens willen, sondern weil ich damit etwas erreichen möchte. Weil es ganz einfach Spaß macht.
    An diesem “lernen, weil ich lernen MUSS” krankt doch letztlich unser Schulsystem. Da ist kaum Freude, selten Begeisterung dahinter.

    Liebe Grüße
    Christine

  • Diego

    Na ja, das mit dem Emotionalen Lernen funktioniert bei mir nicht. Hatte erst kürzlich 9 Wochen Weiterbildung mit 7 verschiedenen Fächern. Dabei ist das Problem, mann muss viel Stoff in kurzer Zeit lernen, und man wird im Berufsalltag nicht alles brauchen, da das gelernte immer im Zusammenhang mit der Branche steht in der man gerade tätig ist. Um also das gelernte gleich anwenden zu können, müsste ich bei drei unterschiedlichen Arbeitgebern arbeiten können, was logischerweise ja nicht geht. Also trotz Speedreading und grosser Motivation, muss ich sagen, dass ich jetzt nach einigen Wochen, wenn ich eine erneute Prüfung ablegen müsste, wahrscheinlich nicht ganz so gut abschliessen würde. Auch wird es immer so sein, dass man sich nicht für jeden Lernstoff im vollen Umfang erwärmen kann, aber man muss es halt lernen.

    • Ulrike

      Hallo Diego,
      ja – es gibt sicher Themen, die einen nicht so begeistern, aber sie gehören meistens auch zum großen übergeordneten Ziel, das man erreichen möchte. Aber die Techniken, wie Centering Prozess, CL-Maps oder Gedächtnistechniken funktionieren trotzdem und manchmal ist es auch so, dass das Interesse mit dem Lernen wächst und man plötzlich Anwendungsgebiete entdeckt, die vorher gar nicht bekannt waren. Es kann Durststrecken geben, aber je mehr man versucht, doch etwas Interessantes daran zu finden, desto leichter macht man es sich selbst. Probieren Sie es aus.
      In diesem Sinne – gutes Gelingen und
      viele Grüße
      Ulrike aus dem Centered Learning Team

  • er

    Hallo Thom Freudenthal,
    wenn es moeglich ist, sich an die Details des Lebens mit praeziser Genauigkeit zu erinnern,dann ist es moeglich Alles Gelernte jede Zeit in Erinnerung zurueckzurufen.

    Fokusierung und Konzentration,
    dr enver rexhepi

  • Inge

    Hi Tom,

    ich möchte unbedingt Spanisch lernen, da mein Enkel eine spanische Mutter hat. Irgendwie fällt es mir sehr schwer, mir die Vokabeln zu merken. Gibt es da Hilfen?

    Danke und viele Grüße
    Inge

    • Ulrike

      Hallo Inge,
      Ihre Motivation ist doch schon hervorragend ;-). Konzentrieren Sie sich im Moment nicht so sehr auf einzelne Vokabeln. Hören Sie spanisches Radio, spanische Musik, spanische Hörbücher, spanische Filme mit Untertiteln. Dabei ist es am Anfang gar nicht so wichtig, dass Sie alles im Einzelnen verstehen Haben Sie vielleicht mal Französich, Italienisch oder Latein gelernt? Da lassen sich ganz einfach Bedeutungen ableiten.
      Lernen Sie Vokabeln im Zusammenhang. Zum Beispiel alles über essen und trinken, über Autos, Verkehr, Reisen, über Pflanzen, über Kinder, oder irgendein beliebiges Thema, das Sie interessiert. Tauchen Sie erst einmal in den Klang der Sprache ein. Lassen Sie sich von der Mutter ihres Enkels etwas erzählen.
      Kennen Sie die Sprachkurse von Vera F. Birkenbihl oder Rosetta Stone, und es gibt noch viele andere.
      Probieren Sie aus, was bei Ihnen am besten funktioniert und versuchen Sie nicht gleich alles perfekt zu machen ;-).
      Viel Erfolg und beste Grüße
      Ulrike vom Centered Learning Team

  • Elisabeth von Bourscheidt

    Hallo Tom,
    meine jetztige Erfahrung bestätigt Ihre Ergebnisse. Ich bin gerade 64 Jahre jung geworden. Meine Neugier entfaltet sich mehr und mehr. Egal, was ich lese, es gelingt mir nur, wenn mich der Inhalt begeistert. So lese ich fast nur Sachbücher zu Themen, die mir wichtig sind wie zur veganen Ernährung. Klar, die Inhalte setze ich gern sofort um. Ebenso ging es mir mit der Literatur zu GfK (gewaltfreie Kommunikation). Auch diese Inhalte setze ich begeistert in meiner Kommunikation um. Über Themen, die ich gelesen habe, könnte ich fast sofort ein Mindmap herstellen und einen visualisierten Vortag halten. So helfe ich Hilfesuchenden hier im Internet schriftlich und fühle mich schon als Expertin für Motivation.
    Ihr Stoff bereichert mein Wissen enorm. Vielen Dank für Ihre vielen, gut verständlichen und fundierten Ausführungen.
    So bin ich ohne Arbeitsstelle und mit wenig Geld (Hartz IV) positiv, zufrieden und gespannt, was ich jeden Tag dazu lerne.

    Mit wohlwollenden Grüßen
    Elisabeth von Bourscheidt

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